Kategorie: Unterwegs

  • Turbobier und Alkbottle live zum Jahresabschluß

    Auf Konzertreise in der vorweihnachtlichen Steiermark

    So oft ich in Österreich verweile, so selten mache ich dies für gewöhnlich in der kalten Jahreszeit. Zugegeben: Eine etwas schnapsige Idee war es schon, als ich im luxemburgischen Hochsommer erfuhr, daß Alkbottle, eine alteingesessene Punkrock-Band aus Wien, Weihnachtskonzerte ankündigten, eines in Wien und eines am vergangenen Samstag in Graz. Da ich die Jungs schon länger höre, sie schon immer auch mal live sehen wollte und zudem Graz immer eine Reise wert ist, kaufte ich kurzerhand ein Ticket für »Biernachten« in Graz am vergangenen Samstag. Zwischenzeitlich gaben auch Turbobier, ebenfalls aus Wien und eigentlich noch mehr und länger von mir verehrt, die Termine ihrer 10-Jahres-Jubiläumstour in Österreich bekannt.

    Diese wurde als Clubtour gestaltet und führte die Jungs in kleinere Locations, darunter auch am vergangenen Freitag ins Sublime in Aflenz in der Steiermark. Ein kurzer Check ergab, daß sich das Örtchen rund eineinhalb Autostunden nördlich von Graz befand. Ein rot-weiß-rotes Punkrock-Wochenende war geboren und zu allem Überfluß, manchmal ist das Schicksal mir wirklich hold, trug auch noch der Grazer AK an jenem Samstagnachmittag sein letztes Heimspiel vor dem Jahreswechsel im Stadion Liebenau aus. Jackpot!

    Am vergangenen Freitagmorgen um 3 Uhr klingelte der Wecker und es ging los. Erstaunlicherweise vergingen die rund 10 Stunden Autofahrt von Luxemburg nach Aflenz wie im Fluge und ich war sogar noch vor der Check-In-Zeit angekommen. Schnell noch eine Palette Hülsen vom »bierigen Bier« aus Graz-Puntigam gekauft und das Zimmer bezogen, war ich trotz der langen Anfahrt zu aufgeregt, um mich noch mal ein Stündchen aufs Ohr zu legen.

    Willkommen in Aflenz
    Das Sublime in Aflenz

    Das Sublime in Aflenz ist ein kleiner Musikclub, der genau das Gegenteil des winterlich verschlafenen Kurortes war: Der Laden brannte förmlich, nicht zuletzt durch die absurd-unterhaltsame Performance der Vorgruppe Horny Monkeys, die sich selbst als eine Gruppe »verrückter Freunde« bezeichnen, die Musik »irgendwo zwischen Kuschelrock und Dubstep« machen.

    Horny Monkeys

    Turbobier haben immer wieder ein Händchen für ihre Vorgruppen. Im Dezember 2024 in Karlsruhe durfte ich deshalb Heckspoiler zum ersten Mal live erleben. Instant Fan!

    Turbobier starteten dann den Abend in Aflenz mit »Feuerwehrfestl«, einem meiner absoluten Favoriten, genau wie die nachfolgenden »Floschenpfand« und »I hoss olle Leit«. Den Abschluß machte der legendäre »Fuaßboiplotz«. Im Prinzip bestand der größte Teil der Jubiläums-Setlist aus Lieblingssongs.

    Club-Ambiente im Sublime

    An diesem Freitagabend war der Laden nicht komplett ausverkauft aber die Stimmung war grandios. Nur die aufblasbare Badeinsel wollte nicht so richtig mit den Leuten in Symbiose treten. Die Polonäse funktionierte dafür umso besser.

    Das mit der Badeinsel klappte nicht so recht

    Turbobier habe ich zur Zeit ihrer Albumveröffentlichung von »King Of Simmering« durch Zufall entdeckt. Insbesondere der Song »Tanke« war unter uns Fußballfans eine echte Hymne, da wir uns zu dieser Zeit regelmäßig vor Spielen an der Tankstelle trafen. So entstand für mich eine Punkrock-Musikliebe zwischen Luxemburg und Wien. Ohnehin bin ich musikalisch ziemlich austrophil. Schon in sehr jungen Jahren waren Falco, die Erste Allgemeine Verunsicherung oder S.T.S. Bands, die ich gerne und regelmäßig hörte. Diese Verbundenheit entstand vermutlich durch die zahlreichen Familienurlaube im Alpenland und noch heute bin ich jedes Jahr zwei bis dreimal in Österreich und liebe es.

    Marco Pogo

    Turbobier sah ich an diesem Abend zum dritten Mal live, nach Salzburg und Karlsruhe 2024. Das Ticket für Köln 2026 ist bereits gekauft, Innsbruck 2026 zusammen mit dem neuen Album vorbestellt und wer weiß, was im kommenden Jahr spontan außerdem noch geht. Am Samstagmorgen konnte ich mit Marco Pogo kurz im Hotel sprechen. Toller Moment, ich schätze ihn wirklich sehr, auch was seine mittlerweile vergangene »Bierpartei« und seine sonstigen Aktivitäten angeht. Interessant ist, daß die Auftritte von Turbobier sich immer weiter nach Westen schieben. Sogar die Niederlande sind kommendes Jahr im Programm. Vielleicht irgendwann auch mal Luxemburg?

    Das wars mal wieder, und es war wieder legendär

    Viel zu schnell ging der Freitagabend vorbei und machte wirklich Bock auf mehr. Doch am Samstag stand ja das eigentlich so genannte Highlight der Reise an mit »Biernachten« in Graz. Also ging es am Morgen nach dem Plausch im Hotel weiter in Richtung Graz. Dort war ich bereits 2022 und 2024 jeweils im Sommer und ich mag die Stadt sehr: Jugendlich-progressiv und abwechslungsreich. Hier war am Nachmittag zunächst das Spiel des Grazer AK im Stadion Liebenau, das man sich mit dem SK Sturm Graz teilt, auf dem Programm. Ich hatte das Glück, mal wieder eine große Choreographie zu erleben und das Spiel war insgesamt ansehnlich.

    Der Fanblock des GAK in Aktion. Leider gab es gegen den Linzer ASK eine 1:2 Niederlage

    Im Anschluß daran ging es mit der »Bim« (Straßenbahn) zurück ins Zentrum und von dort zu Fuß zum Kulturzentrum Explosiv. Ein alternativer kleiner Punkschuppen mit alten Ledersofas und einer guten Playlist auf den Lautsprechern.

    Nebenan im Saal hatten Alkbottle bereits begonnen und der Laden war wirklich komplett überfüllt.

    Ausverkauftes Haus bei »BIernachten« in Graz

    Auf meine Kosten kam ich absolut: Ein Alkbottle-Pulli ging mit heim, den ich mir nicht außerhalb von Österreich hätte zuschicken lassen können und alle Lieblingssongs waren dabei: »Geh Scheissn«, das freundlichste österreichische Kompliment überhaupt, »Blader, Fetter, Lauter«, »Sechs Bier«, die Hausmeisterin oder auch »Rockstar in Austria«.

    Der Abend klang für mich auf einem der erwähnten Sofas aus, bevor ich mich zurück ins Hotel aufmachte. Das wars also dann. Ein halbes Jahr Planung und der aktive Teil der Reise war abgehakt. Was folgte, war am Sonntag ein ausgedehnter Spaziergang durch das Zentrum von Graz, welches, wie bereits am Samstag sehr gut gefüllt war. Die an mehreren Stellen in der Stadt aufgebauten Weihnachtsminimärkte zogen die Massen an und entzerrten sie gleichzeitig.

    Murinsel
    Schloßbergbahn
    Der Grazer Uhrturm auf dem Schloßberg – Ein Wahrzeichen der Stadt
    Der Grazer Hauptplatz mit Rathaus

    Ich gönnte mir ein Weizenbier auf dem nebelumhüllten Schloßberg und stattete im Anschluß dem schönen Gösser Brauhaus sowie dem Café Centraal einen Besuch ab. Letzteres kann ich als Kneipentipp sehr empfehlen: Ruhiges, alternatives Ambiente mit lecker Bieren.

    Weihnachtliche Bim
    »Punti« trinken im Café Centraal
    Und Gösser im gleichnamigen Brauhaus zum Ćevapčići (nicht im Bild)

    Die Rückfahrt am Montag bot Zeit, das erlebte Revue passieren zu lassen und Vorfreude auf Turbobier in Köln im kommenden Mai im Rahmen ihrer »Das Leben is ein Oaschloch«-Tour. Vorher allerdings steht wieder jede Menge Metal auf dem Programm.

    (Text und Fotos: chrkuehne)

  • »Thrash at the Monastery«

    Tankard, Destruction und Kreator in Gießen

    Am vergangenen Freitag, dem 22. August war ich zum ersten Mal in Gießen. Die 90.000-Einwohner-Kreisstadt in Hessen hat nach meinem Dafürhalten kein sonderlich attraktives Zentrum, beherbergt jedoch unter anderem das ehemalige Kloster Schiffenberg auf dem nahen, 280m hohen Hausberg der Stadt. Dieser Berg war bereits in der späten Bronzezeit besiedelt, wie Archäologen erklärten. An jenem Freitag wurde er nun von Thrash-Metal-Freunden aus nah und fern heimgesucht, die sich auf ein ganz besonderes Lineup im Rahmen der Konzertreihe »Gießener Kultursommer« freuen durften: Drei der »big four« des deutschen Thrash-Metal gaben sich hier an einem einzigen Abend die Ehre. Das Ticket hatte ich bereits früh im Jahr erstanden, natürlich wegen Kreator, jedoch auch, um Destruction endlich einmal live zu sehen. Das aktuelle Album »Birth Of Malice« hat mich wirklich sehr begeistert. Ein Shuttlebus brachte die Zuschauer schnell und komfortabel auf den Klosterberg, wo sich in einem tollen Ambiente Bühne, Verköstigungs- und Merchstände in die Szenerie fügten.

    Nettes Gelände
    Tankard

    Tankard gründeten sich 1983 und sind unter anderem für die Fußballhymne »Schwarz-Weiß wie Schnee« für ihren Lieblingsklub Eintracht Frankfurt bekannt. An diesem Abend war allerdings für jeden etwas dabei und Andreas »Gerre« Geremia wußte von der ersten Minute an, welche Knöpfe er beim Publikum drücken mußte, damit die Stimmung schnell auf Betriebstemperatur war.

    Im Anschluß inspizierte ich während der Umbaupause das kulinarische Angebot. es gab allerhand für das leibliche Wohl und das zu durchaus humanen Preisen. Das Bier war schnell gezapft, auch gab es an den Essensständen und auf dem Weg zu den Toiletten keine nennenswerten Staus. Die Organisation hat mich wirklich beeindruckt.

    Als nächstes gaben Destruction Vollgas. Die stimmlichen Fähigkeiten von »Schmier« (Marcel Schirmer), der mit kurzer Unterbrechung seit Bandgründung 1982 am Mikro steht, sind absolut beeindruckend. Die tollen Riffs und die gesamte, energiegeladene Show haben mich absolut begeistert. Destruction werde ich eventuell im Oktober in Oberhausen wiedersehen, ganz sicher jedoch im kommenden August in Eindhoven, wo ich mir zwischenzeitlich ein Ticket fürs »Dynamo Metal Fest« gesichert habe. Zwar spielten Kreator erst in diesem Jahr wieder dort, doch hoffe ich, im nächsten Jahr Glück auf ein Wiedersehen dort zu haben.

    Destruction
    »Schmier« war in Höchstform.

    Apropos Kreator: Der Höhepunkt und Abschluß des Abends gehörte natürlich dem Altenessener Thrasher Mille Petrozza und seiner Kultband. Wall Of Death, Circle Pit oder Crowdsurfing: Die Jungs ließen das Publikum nicht zur Ruhe kommen. Die energiegeladene und feurige Show war von der ersten bis zur letzten Minute der absolute Wahnsinn. Ich könnte den Jungs stundenlang zusehen und zuhören. Nebenbei erwähnte Mille ein neues Album Anfang 2026 und ich bin mir nicht sicher, ob es um eine Live-Scheibe geht, das habe ich leider akustisch nicht richtig mitbekommen.

    Warten auf Kreator
    Sami Yli-Sirniö
    »Flag Of Hate« ist ein absoluter Burner und stammt aus 1986. Da war ich zehn Jahre alt.
    (V.l.n.r.:) Mille, Ventor (Schlagzeug, verdeckt) und Frédéric Leclercq.
    Das war das letzte Kreator-Konzert in Deutschland 2025. Wo werden wir uns 2026 wiedersehen?

    Irgendwann war dann aber wirklich Schluß und nach dann doch einer kleinen Schlangenbildung beim Warten auf den Shuttlebus in die Stadt war ich froh, sitzen zu können, bevor ich die 2 km zurück ins Hotel die Beine noch einmal benutzen mußte. Ein toller Abend. Dies nicht nur wegen den geilen Bands, sondern auch aufgrund der tollen Organisation des Gießener Kultursommers. Ich bin gespannt, wer nächstes Jahr den Schiffenberg thrashen darf und würde gerne wiederkommen.

    Text und Photos chrkuehne

  • Unterwegs im Vinschgau

    Wanderungen in Südtirols Nordwesten

    In der vergangenen Woche verschlug es mich endlich wieder in die Berge. Für mich ein magischer Sehnsuchtsort mein ganzes Leben lang, was sicherlich auch daran liegt, daß Vater uns in den 1980ern und 90ern regelmäßig in den Sommerferien zumeist ins Allgäu schleifte, während die Schulkollegen an irgendeinem Beach lagen. Damals habe ich es gehaßt. Wenn mit 16 die Hormone beginnen, Pogo zu tanzen und andere Interessen wecken, als in den Schulferien morgens um 5 Uhr aufzustehen, um die Scesaplana im Schweizer Rätikon zu erklimmen oder drei Wochen lang während der Osterferien im verregneten Ostallgäu trüber Touren zwischen Weihern zu unternehmen.

    Damals ahnte ich noch nicht, daß es aber genau diese Erlebnisse sein werden, die mich bis ins Erwachsenenalter prägen und selbst antreiben sollten, die Freude an den Bergen weiter zu tragen. Wie es das Schicksal will, ist es mir nicht mehr möglich, mit meinem Vater darüber zu fachsimpeln, verstarb er doch vor einem Vierteljahrhundert, jünger als ich es heute bin.

    Und so wird die Fahrt ins Allgäu und darüber hinaus jedes mal nicht nur eine Fahrt in die Berge, sondern auch zu den Erinnerungen der Kindheit und Jugend. wenn, gutes Wetter vorausgesetzt, hinter dem Rastplatz »Allgäuer Tor« an der A7 südwärts sich plötzlich die Kulisse der Allgäuer und Tannheimer Berge zeigt. Immer öfter aber habe ich in den letzten Jahren auch andere Regionen besucht, Abwechslung braucht der Mensch.

    So führte mich die rigide Corona-Politik Bayerns im Jahr 2020 mit einem Einreisetest in der Tasche, den eigentlich keiner sehen wollte, erstmalig nach Vorarlberg ins Montafon. Eine Entdeckung, die mich bis heute sehr glücklich macht. Dort habe ich seither bereits viermal eine gute Zeit verbracht und wunderbare Natur genießen können. In diesem Sommer aber wollte ich mal wieder über die Landkarte wandern und schauen, wo ich etwas neues oder neues altes entdecken könnte. Denn interessanterweise heftet sich das Hirn immer gerne an jene Regionen, die einem aus der Kindheit in Erinnerung geblieben sind.

    Das wohl berühmteste Wahrzeichen des Vinschgau ist der Kirchturm von Altgraun im Reschensee.

    So war es auch diesmal, als meine Wahl aufs südtiroler Vinschgau fiel. Die Region am Ortler kannte ich bisher nur durch eine einmalige Durchfahrt über Reschenpaß und über Meran in Richtung Gardasee zu einem der genannten Familienurlaube. Mich hat Südtirol immer fasziniert, auch wegen der politisch-geographischen Situation. Meine Wahl fiel auf das Örtchen Burgeis direkt am Rande der langen Halde, welche sich vom Reschensee hinab bis nach Mals zieht. Als wir Ende der 1990er Jahre hier vorbeifuhren, blieben mir die Schilder und gesprayten Parolen entlang der Strecke im Kopf. Eine beeindruckende Bergkulisse, über welcher der Ortler majestätisch thront, die aufgrund dieses politischen Schwelbrandes eine gewisse surreale Faszination auf mich ausübte. Von Nauders in Tirol her kommend, ließ ich es mir natürlich nicht nehmen, in Graun kurz zu halten, um den legendären Kirchturm zu sehen.

    Blick von Burgeis über die Halde, durch welche sich die SS40 von Reschen in Richtung Meran schlängelt.

    In den Tagen, die ich nun im oberen Vinschgau verbrachte, nahm ich keinerlei Reibungen wahr. Mein Vermieter, Südtiroler, kokettierte häufig mit italienischen Sprüchen, sprach dieses fließend mit seinen italienischsprachigen Gästen und hob die Vorteile hervor, die eine Zweisprachigkeit bringe. Ich selbst bin allerdings in der gesamten Woche in Restaurants, Geschäften und anderswo ausnahmslos mit Deutsch ausgekommen. Während Städte wie Meran oder Bozen langsam den Kipp-Punkt erreichen oder bereits überschritten haben, nach welchem mehr italienischsprachige Einwohner gezählt werden, als deutschsprachige, schien dies im Obervinschgau weit weg.

    Burgeis von Oben mit Fürstenburg und Pfarrkirche. Im Hintergrund der Hauptort Mals.

    Ich bezog ein hübsches kleines Zimmer mit Balkon und Blick auf die Bergkulisse und nutzte den ersten Tag, komplett verregnet, zur Akklimatisierung. Oftmals allerdings will mein Kopf schnell mehr, als mein Körper, dessen beste Kondition trotz regelmäßigen Joggens und gelegentlicher heimischer Wanderungen auch schon etwas her ist. So zog es mich am ersten Tag, unmotiviert, schon wieder ins Auto zu steigen, den Hausberg Watles hinauf. Mein Ehrgeiz interessierte sich mal wieder nicht für die Seilbahn und so war ich an jenem ersten Tag von 1.250 Metern Ortshöhe auf 2.300 Meter. es war schön, wieder in der grünen Natur des Alpenraumes unterwegs zu sein, so sehr ich verschiedene luxemburgische Regionen schätze. Aufgrund meiner Geschichte fühle ich mich hier einfach mehr zuhause. Die Überschreitung des Watlesgipfels aber ließ ich aus, da der Regen und der kalte Wind sich mit zunehmender Höhe deutlich intensivierten. Ich zog es vor, zur Bergstation der Seilbahn zu wandern, um mir dort ein paar Würstel und Bier zur verregneten Aussicht zu gönnen. Der Abstieg fand, natürlich nicht mit der Bahn, ganz einfallslos über den breiten Fahrweg bis oberhalb von Burgeis statt, wo ein kleiner Bergpfad mich zu dem kleinen »Bergsee« zurück führte, an welchem ich bereits beim Anstieg vorbeigekommen war. Für eine erste kleine Tour waren 18,3 km Strecke und 1.119 Höhenmeter in 5:30 Stunden sicherlich nicht schlecht.

    Der Ausblick von der Watles-Bergstation blieb überschaubar.
    Weiter unten lud der »Bergsee« zum Verweilen in absoluter Ruhe ein.

    Der zweite Tag sollte dann bei deutlich besserem Wetter mit der »Spitzigen Lun« (2.324m) oberhalb von Mals einen Gipfel bringen, der für seine tolle Aussicht bekannt ist. Da ich in einer Frühstückspension untergebracht war, wo ein Fortkommen auch mir Frühstücksmuffel nicht vor 9 Uhr möglich war, platzte mein Plan, die »Lun« über den kürzeren, steileren Weg ab dem kleinen Örtchen Planeil anzugehen, da hier alle elf Parkplätze bereits belegt waren. Also wieder hinunter nach Mals gefahren und dort vom großen Parkplatz aus den Hauptanstieg gewagt, welcher rund 1.200 Höhenmeter zu bieten hat.

    Der Weg schlängelt sich, mal auf dem Fahrweg, mal als Pfad zwischen her, den Hang hinauf und bietet immer wieder Ausblicke auf Mals und darüber hinaus.

    Mals
    Sonniger Steig auf dem »Balkon« über Mals mit Blick zum Ortler-Massiv.
    Glurns von oben, das ich am übernächsten tag noch besuche.
    Wunderbare Weitsicht

    Allerdings machte sich in der Höhe bemerkbar, daß meine Kondition trotz regelmäßiger sportlicher Aktivitäten in heimischen Gefilden wohl doch nicht mehr so höhentauglich ist. Zwar bin ich ein- bis zwei Mal im Jahr in den Bergen unterwegs, doch scheint dies kein Garant mehr für entsprechende Höhenfitneß zu sein. Rund 200 Meter unterhalb des »Lun«-Gipfels verließen mich die Kräfte. Auch vermehrte Pausen brachten keinen erholsamen Effekt. So beschloß ich schweren Herzens, den Rückweg anzutreten. Eigenschutz ist für mich das höchste Gut in den Bergen. Natur und Gesundheit bestimmen, wie weit ich Spaß haben darf und das herauszufordern halte ich für fahrlässig. Doch beim Abstieg zurück nach Mals hatte ich viel Freude an den Ausblicken, so daß das fehlende Gipfelkreuz an diesem Tag für mich leicht zu ertragen war.

    Blick hinüber zum Watles und zur Sesvenna-Gruppe mit der Fürstenburg und dem Kloster Marienberg bei Burgeis. Dort oben rechts bin ich gestern im Regen gekraxelt.

    Die Churburg ist eine hochmittelalterliche Burg über Schluderns, die zu den am besten erhaltenen Burgen der Region zählt. sie wurde um 1250 vom Fürstbischof Heinrich von Montfort von Chur erbaut, um die aufstrebenden Herren von Matsch in Schach zu halten, wie es heißt. Im Jahr 1297 ging die Burg in den Besitz eben jener Herren von Matsch über. Nach dem Tod des letzten männlichen Vertreters der Matscher im Jahr 1504 fiel die Burg an die Familie Trapp, welche bis heute Eigentümer ist. Nach meiner Wanderung bei Mals fuhr ich kurz nach Schluderns und konnte immerhin einen Schnappschuß mitnehmen.

    Die Churburg in Schluderns

    Am Mittwoch, dem dritten Tag, ging es dann nach Sulden am Ortler. Die Fahrerei dorthin, teils über die Stilfserjoch-Straße, entpuppte sich aufgrund von Radfahrern, Baustellenfahrzeugen und dem üblichen Verkehr als so anstrengend, wie gedacht. Oben angekommen war es erstaunlich wenig überfüllt. Mein heutiges Tagesziel sollte keiner der Gipfel meiner »To-do-Liste« sein, sondern aufgrund der gesundheitlichen Erfahrung des Vortages ein Aufstieg zur Düsseldorfer Hütte (2.721m) durch das Zaytal, welcher mit zweieinhalb Stunden veranschlagt ist.

    Bergwelt um Sulden

    Zu Beginn wird der Pfad begleitet von einen reißenden Wildbach, später umstanden von Kühen, die sich nicht sonderlich für den Wanderer interessieren.

    Immer aber im Rücken: Der große Ortler, der bis auf ein paar lichte Momente sein Haupt verdeckte. Sowieso habe ich in der gesamten Woche vor Ort auch vom Balkon meines Zimmers in Burgeis aus den Ortler nie »oben ohne« sehen können.

    »König« Ortler (3.905m). Höchster Berg Südtirols sowie der gesamten Region Tirol.

    Im oberen Teil nahmen die Wandererströme dann aufgrund des zukommenden Weges vom Kanzellift deutlich zu und »Everest-Feeling« machte sich in den letzten Serpentinen zur bereits sichtbaren Hütte breit.

    Wanderer wie an der Perlenschnur. Insbesondere Niederländer und Italiener pflegen beim Wandern gern ohne Unterlaß zu reden.
    Sehnsuchtsort (für heute): Die Düsseldorfer Hütte (Rifugio Serristori).

    Auch hier überkam mich kurz vor dem Ziel wieder diese eigenartige Erschöpfung, wie bereits am Vortag. Dieses Mal allerdings erreichte ich mein Ziel und ein großes Glas Spezi weckte die Lebensgeister für einen nahezu beschwerdefreien Rückweg, den ich auch recht zügig antrat, da die Hütte brechend voll war und ich mich nicht wirklich wohl fühlte. Die umliegende Berggegend ist wunderschön, jedoch aufgrund des Trubels an diesem Tag für mich nicht wirklich zu genießen. Im Abstieg, insbesondere nach dem Abzweig zum Kanzellift, war ich nahezu allein und konnte doch noch die Natur aufsaugen.

    Der Donnerstag, vierter Tag, wurde genutzt, um das obere Tal bis nach Glurns einmal zu erkunden, zumal das Wetter sich auch deutlich besser präsentierte. Der Weg führte zunächst durch Burgeis und hinaus an der Fürstenburg vorbei.

    Zunächst ging es entlang des Radweges durch Schleis, einem kleinen Dörfchen südlich von Burgeis.

    Es ist immer unangenehm, auf Radwegen wandern zu müssen, genau, wie es unangenehm ist, Radfahrer auf Wanderwegen ertragen zu müssen. Hier allerdings führte der ordnungsgemäße Wanderweg alternativlos entlang der Radroute Via Claudia Augusta. Man hält sich halt am Rand. In Laatsch verlasse ich die Radroute und nehme eine kleine Teerstraße jenseits der Brücke über die junge Etsch in Richtung Glurns.

    bei der Pfarrkirche zum heiligen Luzius biege ich ab in Richtung Glurns.

    Im Anschluß an den Abzweig in Richtung Glurns bei der Kirche on Laatsch komme ich auf der sonnigen und aussichtsreichen Teerstraße mit Blick auf die Obstplantagen vor Glurns auch an einem, alten Bunker vorbei, der allerdings nicht zugänglich war.

    Mussolinibunker mit Blick ins Münstertal in Richtung Taufers.

    Die Bunker bei Laatsch im Vinschgau sind Teil des sogenannten Alpenwalls (italienisch: Vallo Alpino), einer massiven Befestigungslinie, die in der Zeit des Faschismus unter Mussolini errichtet wurde. Sie sollte die italienischen Staatsgrenzen, insbesondere zu Frankreich, der Schweiz, Jugoslawien und dem Deutschen Reich, sichern. Die Anlagen mussten nie einem Angriff standhalten.

    Die Bauarbeiten am Alpenwall begannen in den 1930er Jahren. Die Bunker sollten als Verteidigungsanlagen und Rückzugsorte für Soldaten dienen und einige Anlagen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Krieges in NATO-Planungen eingebunden. Nach 1990 wurden dann die Anlagen geschleift und teilweise verkauft. In der Gegen um Mals stehen einige solcher Teile in der Landschaft.

    Weiter geht der Weg bei strahlendem Sonnenschein entlang von Obstanbauten in Richtung Glurns, der kleinsten Stadt Südtirols und einer der kleinsten im gesamten Alpenraum überhaupt. Ihren mittelalterlichen Charakter hat sie von ihrer vollständig erhaltenen Stadtmauer. Glurns wurde erstmals 1163 urkundlich erwähnt und erhielt 1291 das Marktrecht. Durch seine günstige Lage an der Etsch und an wichtigen Handelsrouten wie der Via Claudia Augusta, nach welcher auch der oben begangene Radweg benannt ist, erlangte die Stadt im 14. und 15. Jahrhundert eine wirtschaftliche Blüte, insbesondere durch den Salzhandel. Nach der Zerstörung im Engadiner Krieg (Schlacht an der Calven) im Jahr 1499 wurde die Stadt im 16. Jahrhundert unter Kaiser Maximilian I. wieder aufgebaut und mit der bis heute bestehenden, vollständig erhaltenen Stadtmauer mit ihren drei Tortürmen (Malser, Schludernser und Tauferer Torturm) und zehn Wehrtürmen befestigt. Glurns liegt strategisch günstig am Knotenpunkt mehrerer wichtiger Alpenpässe (Reschenpass, Ofenpass, Stilfser Joch).

    Entlang von Obstplantagen nach Glurns.
    Auf dem Stadtplatz herrscht reges Treiben.
    Die mächtigen Wehrtürme bestimmten das Stadtbild.
    Eindrucksvoll zeigt sich die östliche Stadtmauer im Bereich der Volksschule.
    Außerhalb der Stadtmauern sind Gärten angelegt.

    Ohne mich lang in Glurns aufzuhalten, bestaune ich die mittelalterliche Anlage und gehe bald weiter in Richtung Tartsch, nordöstlich gelegen. Unterwegs weiterhin verwöhnt mit tollen Aussichten.

    Anstieg zum Tartscher Bichl (oder auch Bühel) mit Blick zurück auf Glurns.

    Der Anstieg zum Tartscher Bichl oder auch Bühel genannt ist dann doch etwas schweißtreibend. Der Bichl ist 1.077m hoch un ein markanter, kahler Rundhügel bei Mals. Er ist ein Wahrzeichen der Region und bekannt für seine historische und geologische Bedeutung. Historikern zufolge war er bereits in vorrömischer Zeit besiedelt, woraufhin entsprechende Funde schließen lassen. Oben liegt der kleine Ort Tartsch, welcher 1928 zu Mals eingemeindet wurde und etwa die Pfarrkirche St. Andreas beheimatet, welche im Jahr 1499 im Engadiner Krieg zerstört und 1503 neu geweiht wurde. Sie besitzt einen romanischen Turm und ein spätgotisches Netzrippengewölbe. Hier mache ich eine ausgedehnte Pause und beschließe, die Einkehr, welche eigentlich für Glurns geplant war, nach Mals zu verlegen.

    Pfarrkirche St. Andreas in Tartsch.

    Von nun an geht es entlang der Hauptverkehrsstraße nach Mals. Der mittlere Waalweg, den ich mir eigentlich ausgesucht hatte, war im Bereich eines weiteren Mussolinibunkers gesperrt, weshalb der mühsame Anstieg völlig umsonst war. Die Sperrung ist nirgends ausgeschildert.

    Bunker 23 zwischen Tartsch und Mals.

    Der Bunker 23 in Tartsch ist ein herausragendes Beispiel für die Umnutzung der ehemaligen Militäranlagen des Alpenwalls. Er wurde er in ein Kunst- und Kulturprojekt verwandelt, welches zeitweise besichtigt werden kann.

    Mals von Süden.

    Dann erreiche ich Mals, welches ich ja bereits vom Dienstag flüchtig kenne. Hier gibt es erstmal zwei kalte Humpen Forst Bier und was zu knabbern, bevor ich mich durch den Ort und über den Sonnensteig zurück nach Burgeis aufmache.

    Im Zentrum von Mals.
    Noch ein Bunker.

    Der Sonnensteig quert die Halde, welche sich vom Reschensee hinunter ins Tal erstreckt und die auch von der SS40 im Zickzack durchzogen ist. er bietet noch einmal eine schöne Talsicht. Dann ist Schluß und ich bin ziemlich erschöpft. Eine tolle Rundtour und das ganz ohne Gipfel. Es war zwar anstrengend aber nicht so sehr, wie die Gipfel-Schinderei. Wegweisendes Erlebnis.

    Der Freitag war mein Letzter Tag in Südtirol. Das Wetter war bereits in Abreiselaune und bescherte mir einen völlig verregneten Morgen, an dem ich nach Reschen am See fuhr, um ein bißchen spazieren zu gehen. Dort angekommen, beschloß ich, die Etschquelle aufzusuchen und nebenbei die dortigen Bunkeranlagen.

    Dürftiges Wetter zu Beginn des letzten Tages.

    Der Anstieg zur Etschquelle, an welcher sich eine Busladung italienischer Touristen tummelte, verlief größtenteils durch den Ort.

    Gute Reise zur Adria!

    Nachdem die Quelle abgehakt war und das Wetter tatsächlich besser wurde, beschloß ich im Anschluß an die Besichtigung der Bunkeranlagen im Quellenbereich (nur von außen möglich ohne Führung), den Forstweg hinauf in Richtung der Panzersperren- und Kasernenanlagen aus der Mussolinizeit zu gehen, hielt mir aber die Option Abstieg nach Nauders in Tirol offen. Letzterer Plan wurde allerdings durch Sperrungen der Wege nach Nauders an der Grenze zunichte gemacht.

    Beim Check mehrerer Wetter-Apps und auch des Vinschgau-Wetters sah ich allerdings, daß gegen 14 Uhr Gewitter gemeldet waren und so beschloß ich, nicht zu lange in der Höhe zu bleiben und in Richtung Süden wieder bis nach Reschen abzusteigen. Dabei taten sich einige schöne Aussichten auf. Pünktlich unten im Ort fing es stark an zu regnen. Das Gewitter blieb zwar aus, jedoch war es nicht verkehrt, rechtzeitig abgestiegen zu sein.

    Blick über Reschen am See zum Haideralm-Lift unterhalb von Zehnerkopf, Zwölferkopf und Elferspitze.

    Am Abend noch einmal bis es dunkel wurde auf meinem phantastischen Balkon gesessen, Musik gehört und Bier getrunken. Es war eine schöne Woche.

    Nach einem kräftigen Gewitter am Abend zeigte sich die Sonne noch einmal …
    … und auch König Ortler zog kurz seinen Hut für mich zum Abschied.
    Die Farben und Kontraste der Berge veränderten sich am Abend quasi minütlich, wie hier bei der Tschenglser Hochwand. Ich hätte 100 Fotos machen können.
    Was man von meinem Balkon aus unter anderem sehen konnte.

    Text und Fotos: chrkuehne

  • Auf wilden Pfaden im Ösling

    Der Rundwanderweg (Autopédestre) von Dahl

    Derzeit gibt es in Luxemburg insgesamt 201 Auto-Pédestre Rundwanderwege, deren Anzahl immer wieder variiert, weil viel angepaßt und umgebaut wird. Diese Routen sind über das ganze Land verteilt und bieten unterschiedliche Schwierigkeitsgrade und Streckenlängen, jedoch auch sehr unterschiedliche Wandererlebnisse. Manche von ihnen schlängeln sich durch verwunschene Natur, andere hingegen, und das sind nicht wenige, verbringen viele Kilometer entlang von stark befahrenen Hauptverkehrsstraßen, durch Wohngebiete oder über unterschiedlichste Qualitäten von geteerten Straßen oder Forstwegen. Daneben gibt es seit einiger Zeit immer mehr „Éislek Pied“ (Ösling Pfade) und „Guttland Trails“ (Gutland Trails), die mehr Naturbelassenheit versprechen sollen.

    Ich habe während der Pandemie im Jahre 2020 angefangen, an der vom luxemburgischen Wanderverband FLMP eingerichteten „Coupe Autopédestre“ teilzunehmen. Ich war nie ein Freund der veranstalteten Massenwanderungen, da ich in der Natur Ruhe und Ausgleich suche. Aufgrund der notwendigen Kontaktvermeidung wegen Corona richtete der Verband die Möglichkeit ein, die Autopédestres unorganisiert abzuwandern und in speziellen Formularen einzutragen, mit beigefügten Screenshots aus Strava oder Komoot, einzusenden und Diplome oder Abzeichen zu erwerben.

    Die Pandemie ist längst vorbei, doch dieses Hobby führe ich weiter. Der Autopédestre in Dahl (luxemburgisch: Dol) war am Donnerstag der 80. von 201 in meiner Sammlung. Dahl ist ein kleiner Ort in der Gemeinde Goesdorf im Kanton Wiltz auf einer Hochebene des Ösling im Norden Luxemburgs und zählt rund 360 Einwohner.

    Das Ausgangsschild jedes Autopédestre sieht so aus, der Ortsname steht dabei. Darunter das typische Wegmarkierungssymbol. Ein QR-Code bietet die Wanderroute fürs Handy an.

    Ausgangspunkt ist ein kleiner Parkplatz am Schulkomplex des Ortes. Schon von hier läßt sich das Tal des Flüßchens „Deierbaach“ überblicken, in welches ich nach einem Stück durch den Ort und über ein Firmengelände auf einem schmalen, teils verwachsenen Pfad in Serpentinen hinabsteige. Nachdem ich im Tal auch die „Rolbaach“ überquert habe, geht es ebenso steil und schmal wieder bergauf zurück aufs Plateau. Dabei eröffnen sich tolle, mit Ginster umstandene Aussichten auf den Talort Bockholtz.

    Der Ginster in voller Blüte
    In der Ferne im Tal Bockholtz
    Typische Untergründe des Luxemburger Nordens
    Die Wanderwege in Luxemburg sind größtenteils sehr gut ausgeschildert. Neben Wanderkarten ist auch das Geoportail hilfreich zur Orientierung.
    Verschnaufpause mit Blick nach Bockholtz

    Wieder oben angelangt, geht es ein Stückchen entlang des CR331, einer glücklicherweise wenig befahrenen Straße, bis ich auf der anderen Seite wieder in den Wald eintauche, diesmal am Nordhang des Plateaus absteigend.

    Auf einen breiten Forstweg folgt bald wieder ein schmaler Serpentinenabstieg bis ins Tal der „Nacherbaach“. Hier geht es im Schatten des Waldes auf einem eher langweiligen, jedoch mit schönen Ausblicken auf das Bächlein ausgestatteten Forstweg bis zum Rückanstieg nach Dahl, wo es noch einmal steil wird.

    Der Abstieg am Nordhang zeigt ein ganz anderes Vegetationsbild
    Zurück auf dem Plateau mit Ausblick nach Norden auf Nocher

    Entlang von Feldern und ein Stück durch den Ort erreiche ich nach etwas mehr als 9 Kilometern wieder den Ausgangspunkt.

    Zurück in Dahl. Das typischerweise zweisprachige Ortsschild empfängt mich

    Angesichts der eingangs erwähnten zahlreichen eher urbanen Autopédestres, die wirklich ätzend sind, ein schönes, sportliches und naturbelassenes Highlight ohne große Sehenswürdigkeiten. Für mich optimal, da ruhig und konditionell fordernd.

    Alle Fotos und Text: chrkuehne

  • Mahnender Makel am Rathaus von Düdelingen

    Aus der Geschichte der luxemburgischen Südgemeinde

    Im Jahre 1928 beschloß der Gemeinderat von Düdelingen, ein neues Rathaus zu bauen, und zwar gegenüber dem alten Gemeindehaus, welches später abgerissen wurde und heute unter anderem die »Spuerkeess« beherbergt.

    Das Grundstück mit einer Gesamtfläche von 1,5 Hektar wurde vom Grafen von Bertier zum Preis von 1,5 Mio. LUF (Luxemburger Franken) abgetreten. Die Idee für das Gebäude kam von den Architekten J. Haal und G. Schopen. Die Ausführung der Pläne erfolgte durch den Architekten Joseph Ruckert, der unter anderem die Firma Reimen & Fils aus Düdelingen mit den Bauarbeiten, die Firma Neisius aus Düdelingen mit den Malerarbeiten und das Atelier Linster aus Bad Mondorf mit der Anfertigung der Kunstverglasungen im Treppenhaus beauftragte. Die Bauarbeiten dauerten zwei Jahre. Der Neubau wurde dann am 5. Juni 1932 von Bürgermeister Emile Ludwig und den Schöffen Eugène Conrad und Nicolas Biever eingeweiht.

    Das neue Stadthaus in einer Broschüre anläßlich der Einweihung. (Foto: Gemeinde Düdelingen)

    Heute hat dieses Gemeindehaus eine sichtbare Erinnerung an Zeiten, die nur wenige Jahre nach der oben erzählten Einweihung viel Leid brachten. Wer auf dem Gemeindeplatz steht und sich die Fassade bis zum Stadtwappen ganz oben über dem Rathausbalkon anschaut, wird es schnell entdecken: Ein Makel, Überbleibsel, Einschußlöcher, direkt neben der Rathaus-Uhr. Absichtlich nicht entfernt und repariert, um ein besonderes Andenken zu bewahren an den 1. September 1944.

    Der Mittelbau des neuen Stadthauses aus der Broschüre zur Einweihung. (Foto: Gemeinde Düdelingen)

    An jenem Tag nämlich dachten die Einwohner von Düdelingen, sie hätten die finsteren Jahre der Nazi-Besatzung überstanden, seit deutsche Truppen am 10. Mai 1940 einmarschiert waren und strömten auf eben jenen Gemeindeplatz, auf welchem sich der imaginäre Betrachter gerade befand und die Rathausuhr betrachtete.

    Die deutschen Truppen hatten Düdelingen bereits in Richtung Osten verlassen, nicht ohne zuvor noch schnell die Gemeindekasse zu plündern und In freudiger Erwartung der aus Süden, von Volmerange herannahenden US-Truppen, die jeden Moment eintreffen müßten, war das Stadtzentrum voll von Menschen, um die Befreier willkommen zu heißen, ohne zu ahnen, daß die Gerüchte über die nahenden Befreier nicht korrekt waren. Die US-Truppen waren längst noch nicht in der Region.

    Am Tag darauf wurde allenthalben die jahrelang verbotene Nationalflagge gehißt, deutsche Straßenschilder heruntergeholt, Nazi-Symbole verbrannt und die Glocken der Pfarrkirche läuteten anläßlich der vermeintlichen Befreiung. Abermals hatten sich tausende Menschen versammelt. Jetzt bald müßten die US-Soldaten doch kommen.

    Der Uhrturm heute. Rechts neben dem Stadtwappen der beschädigte Teil. (Foto: chrkuehne)

    Doch es kam ganz anders: Am Mittag plötzlich kamen zwei Lkw der Waffen-SS durch die »Niddeschgaass« (Avenue G-D Charlotte) gefahren, die jahrelang »Adolf-Hitler-Straße« hatte genannt werden müssen. Die deutschen Soldaten schossen auf die Menge und auch auf die ebenfalls am Rathaus wieder gehißte Nationalflagge. Dabei sorgten einige Geschosse dafür, daß das Eck oberhalb der Rathaus-Uhr noch heute so aussieht. Das gute Ende kam für die Düdelinger erst eine zermürbende Woche später: die »Amis« waren da, die Nazis weg. Der zerschossene Bogen an der Rathaus-Uhr bleibt mahnend zurück.

    Stadthausfront heute. (Foto: chrkuehne)
  • Auf und ab an der Our

    Eine Wandertour rund um den Land-Zipfel von Bivels

    Nachdem ich mehr als 2 Wochen aus gesundheitlichen Gründen sportlich außer Gefecht war, fand ich am Samstag endlich wieder Zeit für eine Wanderung, und zum Einstieg in meine Wandersaison durfte es schon etwas gediegeneres sein: Die Ourschleife bei Bivels (Luxemburgisch: Biwels) habe ich in den mehr als 20 Jahren, die ich in Luxemburg lebe noch nie besucht.

    Das Ourtal als solches ist in seiner Gänze ein wunderschönes Naturparadies. Die Our ist ein 96 km langer Nebenfluß der Sauer, welcher in der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien bei Büllingen entspringt und eine echter Europäerin ist: Neben Belgien durchfließt sie wechselnd auch Deutschland. Ab dem Europadenkmal im Dreiländereck bei Lieler (L) verläuft sie als luxemburgisch-deutscher Grenzfluß mit der Besonderheit, daß die Grenze nicht, wie anderswo in Europa üblich, in der Flußmitte verläuft, sondern jeweils an den Ufern, während der Fluß gemeinschaftliches Territorium von Deutschland und Luxemburg ist.

    Grenzschild an der Ourbrücke bei Bivels.

    Auf ihrem Weg nach Süden legt sie sich kurz hinter Stolzemburg, wo es ein Minenmuseum zu bestaunen gibt, mehrmals richtig in die Kurve, daß jeder Biker, der an den Sommerwochenenden in der Region die Straßenkurven unsicher macht, vor Neid erblassen würde. Nachdem sie das Ourtalkraftwerk passiert, macht sie eine Schleife um einen Zipfel Luxemburgs herum.

    Bivels 🇱🇺

    Am Isthmus dieser Schleife liegt Bivels, ein beschauliches Örtchen mit etwas mehr als 100 Einwohnern und einem schönen Blick zur Ruine der Burg Falkenstein beim deutschen Ort Waldhof.

    Die im 12. Jahrhundert erbaute Burg ist einsturzgefährdet und darf nicht betreten werden, wie Schilder informieren, nachdem man vom kleinen Parkplatz am Ende von Bivels aus die Tour gestartet und nach der Flußüberquerung einen stattlichen Anstieg hinter sich gebracht hat. Sie bietet immerhin schöne Fotomotive. Vielleicht bedient sich eine lokale Black Metal Band irgendwann daran.

    Burg Falkenstein 🇩🇪

    Im Anschluß geht der Ourtal Wanderweg in einem Bogen wieder hinunter zum Fluß, an welchem entlang ein im späteren Verlauf breiter Forstweg mit gelegentlichen Blicken über den Fluß aufwarten kann und in nördlicher Richtung weiterführt.

    Rechts die Nordspitze der Bivels-Halbinsel.
    Der Abstieg von der Ruine Falkenstein führt auf deutscher Seite bis kurz vor Stolzemburg.

    Ich nehme südlich von Stolzemburg eine Brücke zurück auf luxemburgische Seite und folge hier der Ourtal-Promenade sowie dem luxemburgischen Jakobsweg zurück in Richtung Bivels.

    Als breiter, unschwerer Weg verläuft dieser teils unmittelbar am Flußufer und eröffnet erneut schöne Aussichten, diesmal auf die deutsche Seite hinüber. Im weiteren Verlauf führt er über eine Holzstegkonstruktion direkt am Ufer. Erinnert ein wenig an jene am See von Bled in Slowenien.

    Sobald der Weg wieder trockenen Boden erreicht, zweigt rechts den Berg hinauf der lokale Wanderweg PU 1 ab.

    Steiler Anstieg in Richtung Bivels.

    Dieser fordert wieder ein bißchen mit seinem steilen Anstieg aus dem Tal, bietet jedoch nach einer Felsumrundung einen echten Überraschungsmoment: Ich befinde mich quasi direkt an der Ourschleifen-Engstelle und kann die Our zu beiden Seiten überblicken.

    Ein knackiger Abstieg führt im Anschluß hinunter in den Ort, wo ich die Straße bis zum eingangs genannten kleinen Parkplatz durch den Ort nehme.

    Die zweisprachigen Straßenschilder verraten: Auf Luxemburgisch sind es zwei unterschiedliche Straßennamen.
    Erinnerungstafel am nahen Friedhof.

    Insgesamt waren es laut Strava 9,2 km, die doch mit einigen Highlights aufwarten konnten in einer Region, die ich sicherlich bald wieder besuchen werde. Denn der kommende Bergsommer ruft nach mehr Training.

    (Alle Fotos und Bericht: chrkuehne)

  • Warum ich am liebsten barfuß bin

    Ein Einwurf in eigener Sache

    Heute geht es mal nicht um ein neues Metal Album oder ein schönes Foto. Es geht um etwas sehr persönliches, das für mich selbst ganz genauso schön ist, wie eine neue Platte in Händen zu halten oder an einem schönen Ort Fotos zu machen.

    So weit ich zurück denken kann, war es für mich immer etwas sehr beeindruckendes, meine Umwelt nicht nur mit den Händen unmittelbar zu erleben,  sondern auch mit den Füßen. Letzteres geht nicht, wenn diese in Fußbekleidung stecken. Ich fühle mich dann eingeengt und in meiner Sinneswahrnehmung beschränkt. Wer einmal barfuß über eine taufrische Wiese gegangen ist oder über nassen Asphalt, der im Schatten noch kühler ist, als im sonnenbeschienenen Bereich, weiß vielleicht, was ich meine. Diese Wahrnehmungen bleiben Schuhträgern grundsätzlich verwehrt. Es ist, als würde man beim Essen Boxhandschuhe tragen müssen.

    Nun habe ich mich, wie wohl die meisten Kinder und Jugendlichen, damals in mehr oder weniger angesagte Schuhe gezwängt, weil ich mich auch später als Teenager, oder gerade dann, nicht getraut habe, so zu sein, wie ich wollte, aus Angst vor Ausgrenzung. Dazu kommt, daß viele Eltern oder Mitschüler ein sehr gefestigt falsches Bild von der Barfüßigkeit  hatten und haben. Hört man auf solche Leute, geht man abends mit schmutzigen Sohlen ins Bett oder watet den ganzen Tag buchstäblich knietief in Kot und Scherben durch die Stadt. Und natürlich der Evergreen: Die gute alte Blasenentzündung. Wenn Kinder mich sehen und ihre Eltern auf mich aufmerksam machen, höre ich häufig die verrücktesten Dinge, geboren aus der elterlichen Angst, die Sprößlinge könnten sich auch die Schuhe ausziehen und ihre Erzeuger blamieren. Denn ich glaube,  zu 90 % geht es darum, wenn eine Mutter sagt „Das macht man nicht,  der Mann wird davon krank!“. wer glaubt, Barfuß laufen sei ekelhaft, sollte vielleicht abends nach dem Schuhe ausziehen mal an seinen Socken riechen. Und wer findet, daß die Stadt zum barfuß laufen zu schmutzig sei, sollte sich fragen, warum das so ist und nicht, warum der Typ da barfuß unterwegs ist.

    Nun müssen solche Eltern grundsätzlich mit sich selbst ausmachen, daß sie ihren Nachwuchs knallhart belügen, das bräuchte mich nicht scheren, wie überhaupt negative Erlebnisse. Doch sind manche Reaktionen derart aggressiv, daß man sich wirklich fragt, welches gesellschaftliche Bild mancher in sich trägt. Von lauten Würgegeräuschen bis zu offenem Auslachen oder Beschimpfen aus dem Auto heraus oder in Läden ist da alles dabei. Ich würde allerdings den freundlichen Mitmenschen nicht gerecht werden, würde ich positive und gar interessierte Begegnungen unerwähnt lassen und auch die Akzeptanz für meinen „Spleen“ durch meine Familie. Ja, das ist schön. Am liebsten aber möchte ich gar keine besondere Aufmerksamkeit bekommen, sondern ohne Fußbekleidung sein, wie es mir gefällt, während andere ohne Kopfbedeckung sind, wie es ihnen gefällt.

    Und niemand muß fürchten, mich in einem Restaurant,  Krankenhaus oder zu einem wichtigen familiären Anlaß „unten ohne“ anzutreffen. Das sind meine selbst gesetzten Grenzen, an denen meine persönliche Freiheit diesbezüglich meiner Meinung nach endet. Und eigentlich habe ich nach so vielen Jahren auch irgendwie keine Geduld mehr für die immer gleichen Miesepeter, denen es nicht gefällt, was ich mache, obwohl ich niemand anderes damit einschränke. Und niemand interessiert sich dafür, was mir so alles nicht gefällt an Mitmenschen.

    Und wer es selbst nicht machen möchte, muß es nicht. Nur ist es deswegen nicht schlecht: So schreibt eine große deutsche Krankenkasse, daß barfuß laufen in der menschlichen Evolution den aller größten Zeitraum belegt hat und unser Bewegungsapparat im Grunde noch immer so aufgebaut ist. Daß Barfüßigkeit durch die Stimulierung der Sohlen, die zwar mit der Zeit dicker, jedoch nicht weniger sinnessensibel werden, zum Wohlbefinden und zum Streßabbau beiträgt und daß es schlußendlich auch Gelenke schont, Wahrnehmung für den Untergrund verbessert (also leider doch kein Waten in Unrat) und durch die geschmeidigeren Abläufe schlicht den gesamten Körper trainiert. Nach den ersten langen Wanderungen im Frühjahr spürt man deutlich, was gemeint ist. Muskelkater!

    In Neuseeland und Australien gehört Barfüßigkeit zum Lifestyle. Das Straßenbild ist oft voll von unbeschuhten Menschen, ähnlich weit verbreitet ist Alltagsbarfüßigkeit in den Alpenländern, wie in Österreich. Hier bin ich jedes Jahr mehrmals und es sind in der warmen Jahreszeit nicht nur Menschen jeden Alters unbeschuht unterwegs, auch kommt es kaum jemandem in den Sinn, offen Ekel oder Ablehnung auszudrücken.

    Es liegt auf der Hand, daß Barfüßigkeit nicht ungesund ist, außer natürlich dort, wo eindeutig Gefahr besteht. Und es ist nicht unhygienisch. Weder steckt man sich seine Füße in den Mund, noch nimmt man sie ungewaschen mit ins Bett. Woran liegt es also dann, daß so viele Menschen förmlich ausrasten beim Anblick von blanken Füßen? Weil man keine Instagram-Füße hat? Weil man aus der Masse heraussticht? Und war das auch mal anders? Mein Friseur sagte einmal, ich würde mit meinem Verzicht auf Schuhe ein „Statement setzen“. Daran hatte ich zuvor noch gar nicht gedacht. Ich erinnere mich zurück an die Jugend der 1980/90er, in der Zeit also, in der ich mich selbst nicht traute, daß ich wesentlich mehr Menschen barfuß im Alltag sah. Warum hat sich das so massiv geändert?

    Soviel dazu.

    (Foto: chrkuehne)

  • Eindrücke aus Hohenems

    Der März zeigte sich am vergangenen Wochenende, dem Föhnwetter geschuldet, zumindest am Freitag und Samstag im österreichischen Vorarlberg mit bis zu 20 Grad bereits von seiner frühlingshaften Seite.

    Die Pfarrkirche St. Karl Borromäus, kurz bevor die Sonne den Kirchplatz erreicht. (Foto: chrkuehne)

    In der Frontalansicht ist die beherrschende Wirkung des 1806 fertiggestellten spätbarocken Steinbaus auf den Platz sichtbar. (Foto: chrkuehne)

    Rechts daneben findet sich der Palast von Hohenems. Er war das Residenzschloß der Grafen von Hohenems und befindet sich bis heute in Privatbesitz der Familie Waldburg-Zeil. (Foto: chrkuehne)

    Der Emsbach ist im Bereich des Schloßplatzes eingefaßt und bietet mit seinen Stufen Gelegenheit zum Verweilen. Das schöne und warme Frühlingswetter am vergangenen Wochenende lud dazu ein, auch wenn noch kahle Bäume vielleicht anderes suggerieren. (Foto: chrkuehne)

    (Foto: chrkuehne)

    Nach dem Fußbad im kalten Emsbach konnte am Platz in der gleichnamigen »Bierwelt« auch die Kehle befeuchtet werden. (Foto: chrkuehne)

    Weitere Infos zu Hohenems: https://www.hohenems.at/.