Schlagwort: barfuss

  • Auf wilden Pfaden im Ösling

    Der Rundwanderweg (Autopédestre) von Dahl

    Derzeit gibt es in Luxemburg insgesamt 201 Auto-Pédestre Rundwanderwege, deren Anzahl immer wieder variiert, weil viel angepaßt und umgebaut wird. Diese Routen sind über das ganze Land verteilt und bieten unterschiedliche Schwierigkeitsgrade und Streckenlängen, jedoch auch sehr unterschiedliche Wandererlebnisse. Manche von ihnen schlängeln sich durch verwunschene Natur, andere hingegen, und das sind nicht wenige, verbringen viele Kilometer entlang von stark befahrenen Hauptverkehrsstraßen, durch Wohngebiete oder über unterschiedlichste Qualitäten von geteerten Straßen oder Forstwegen. Daneben gibt es seit einiger Zeit immer mehr „Éislek Pied“ (Ösling Pfade) und „Guttland Trails“ (Gutland Trails), die mehr Naturbelassenheit versprechen sollen.

    Ich habe während der Pandemie im Jahre 2020 angefangen, an der vom luxemburgischen Wanderverband FLMP eingerichteten „Coupe Autopédestre“ teilzunehmen. Ich war nie ein Freund der veranstalteten Massenwanderungen, da ich in der Natur Ruhe und Ausgleich suche. Aufgrund der notwendigen Kontaktvermeidung wegen Corona richtete der Verband die Möglichkeit ein, die Autopédestres unorganisiert abzuwandern und in speziellen Formularen einzutragen, mit beigefügten Screenshots aus Strava oder Komoot, einzusenden und Diplome oder Abzeichen zu erwerben.

    Die Pandemie ist längst vorbei, doch dieses Hobby führe ich weiter. Der Autopédestre in Dahl (luxemburgisch: Dol) war am Donnerstag der 80. von 201 in meiner Sammlung. Dahl ist ein kleiner Ort in der Gemeinde Goesdorf im Kanton Wiltz auf einer Hochebene des Ösling im Norden Luxemburgs und zählt rund 360 Einwohner.

    Das Ausgangsschild jedes Autopédestre sieht so aus, der Ortsname steht dabei. Darunter das typische Wegmarkierungssymbol. Ein QR-Code bietet die Wanderroute fürs Handy an.

    Ausgangspunkt ist ein kleiner Parkplatz am Schulkomplex des Ortes. Schon von hier läßt sich das Tal des Flüßchens „Deierbaach“ überblicken, in welches ich nach einem Stück durch den Ort und über ein Firmengelände auf einem schmalen, teils verwachsenen Pfad in Serpentinen hinabsteige. Nachdem ich im Tal auch die „Rolbaach“ überquert habe, geht es ebenso steil und schmal wieder bergauf zurück aufs Plateau. Dabei eröffnen sich tolle, mit Ginster umstandene Aussichten auf den Talort Bockholtz.

    Der Ginster in voller Blüte
    In der Ferne im Tal Bockholtz
    Typische Untergründe des Luxemburger Nordens
    Die Wanderwege in Luxemburg sind größtenteils sehr gut ausgeschildert. Neben Wanderkarten ist auch das Geoportail hilfreich zur Orientierung.
    Verschnaufpause mit Blick nach Bockholtz

    Wieder oben angelangt, geht es ein Stückchen entlang des CR331, einer glücklicherweise wenig befahrenen Straße, bis ich auf der anderen Seite wieder in den Wald eintauche, diesmal am Nordhang des Plateaus absteigend.

    Auf einen breiten Forstweg folgt bald wieder ein schmaler Serpentinenabstieg bis ins Tal der „Nacherbaach“. Hier geht es im Schatten des Waldes auf einem eher langweiligen, jedoch mit schönen Ausblicken auf das Bächlein ausgestatteten Forstweg bis zum Rückanstieg nach Dahl, wo es noch einmal steil wird.

    Der Abstieg am Nordhang zeigt ein ganz anderes Vegetationsbild
    Zurück auf dem Plateau mit Ausblick nach Norden auf Nocher

    Entlang von Feldern und ein Stück durch den Ort erreiche ich nach etwas mehr als 9 Kilometern wieder den Ausgangspunkt.

    Zurück in Dahl. Das typischerweise zweisprachige Ortsschild empfängt mich

    Angesichts der eingangs erwähnten zahlreichen eher urbanen Autopédestres, die wirklich ätzend sind, ein schönes, sportliches und naturbelassenes Highlight ohne große Sehenswürdigkeiten. Für mich optimal, da ruhig und konditionell fordernd.

    Alle Fotos und Text: chrkuehne

  • Auf und ab an der Our

    Eine Wandertour rund um den Land-Zipfel von Bivels

    Nachdem ich mehr als 2 Wochen aus gesundheitlichen Gründen sportlich außer Gefecht war, fand ich am Samstag endlich wieder Zeit für eine Wanderung, und zum Einstieg in meine Wandersaison durfte es schon etwas gediegeneres sein: Die Ourschleife bei Bivels (Luxemburgisch: Biwels) habe ich in den mehr als 20 Jahren, die ich in Luxemburg lebe noch nie besucht.

    Das Ourtal als solches ist in seiner Gänze ein wunderschönes Naturparadies. Die Our ist ein 96 km langer Nebenfluß der Sauer, welcher in der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien bei Büllingen entspringt und eine echter Europäerin ist: Neben Belgien durchfließt sie wechselnd auch Deutschland. Ab dem Europadenkmal im Dreiländereck bei Lieler (L) verläuft sie als luxemburgisch-deutscher Grenzfluß mit der Besonderheit, daß die Grenze nicht, wie anderswo in Europa üblich, in der Flußmitte verläuft, sondern jeweils an den Ufern, während der Fluß gemeinschaftliches Territorium von Deutschland und Luxemburg ist.

    Grenzschild an der Ourbrücke bei Bivels.

    Auf ihrem Weg nach Süden legt sie sich kurz hinter Stolzemburg, wo es ein Minenmuseum zu bestaunen gibt, mehrmals richtig in die Kurve, daß jeder Biker, der an den Sommerwochenenden in der Region die Straßenkurven unsicher macht, vor Neid erblassen würde. Nachdem sie das Ourtalkraftwerk passiert, macht sie eine Schleife um einen Zipfel Luxemburgs herum.

    Bivels 🇱🇺

    Am Isthmus dieser Schleife liegt Bivels, ein beschauliches Örtchen mit etwas mehr als 100 Einwohnern und einem schönen Blick zur Ruine der Burg Falkenstein beim deutschen Ort Waldhof.

    Die im 12. Jahrhundert erbaute Burg ist einsturzgefährdet und darf nicht betreten werden, wie Schilder informieren, nachdem man vom kleinen Parkplatz am Ende von Bivels aus die Tour gestartet und nach der Flußüberquerung einen stattlichen Anstieg hinter sich gebracht hat. Sie bietet immerhin schöne Fotomotive. Vielleicht bedient sich eine lokale Black Metal Band irgendwann daran.

    Burg Falkenstein 🇩🇪

    Im Anschluß geht der Ourtal Wanderweg in einem Bogen wieder hinunter zum Fluß, an welchem entlang ein im späteren Verlauf breiter Forstweg mit gelegentlichen Blicken über den Fluß aufwarten kann und in nördlicher Richtung weiterführt.

    Rechts die Nordspitze der Bivels-Halbinsel.
    Der Abstieg von der Ruine Falkenstein führt auf deutscher Seite bis kurz vor Stolzemburg.

    Ich nehme südlich von Stolzemburg eine Brücke zurück auf luxemburgische Seite und folge hier der Ourtal-Promenade sowie dem luxemburgischen Jakobsweg zurück in Richtung Bivels.

    Als breiter, unschwerer Weg verläuft dieser teils unmittelbar am Flußufer und eröffnet erneut schöne Aussichten, diesmal auf die deutsche Seite hinüber. Im weiteren Verlauf führt er über eine Holzstegkonstruktion direkt am Ufer. Erinnert ein wenig an jene am See von Bled in Slowenien.

    Sobald der Weg wieder trockenen Boden erreicht, zweigt rechts den Berg hinauf der lokale Wanderweg PU 1 ab.

    Steiler Anstieg in Richtung Bivels.

    Dieser fordert wieder ein bißchen mit seinem steilen Anstieg aus dem Tal, bietet jedoch nach einer Felsumrundung einen echten Überraschungsmoment: Ich befinde mich quasi direkt an der Ourschleifen-Engstelle und kann die Our zu beiden Seiten überblicken.

    Ein knackiger Abstieg führt im Anschluß hinunter in den Ort, wo ich die Straße bis zum eingangs genannten kleinen Parkplatz durch den Ort nehme.

    Die zweisprachigen Straßenschilder verraten: Auf Luxemburgisch sind es zwei unterschiedliche Straßennamen.
    Erinnerungstafel am nahen Friedhof.

    Insgesamt waren es laut Strava 9,2 km, die doch mit einigen Highlights aufwarten konnten in einer Region, die ich sicherlich bald wieder besuchen werde. Denn der kommende Bergsommer ruft nach mehr Training.

    (Alle Fotos und Bericht: chrkuehne)

  • Warum ich am liebsten barfuß bin

    Ein Einwurf in eigener Sache

    Heute geht es mal nicht um ein neues Metal Album oder ein schönes Foto. Es geht um etwas sehr persönliches, das für mich selbst ganz genauso schön ist, wie eine neue Platte in Händen zu halten oder an einem schönen Ort Fotos zu machen.

    So weit ich zurück denken kann, war es für mich immer etwas sehr beeindruckendes, meine Umwelt nicht nur mit den Händen unmittelbar zu erleben,  sondern auch mit den Füßen. Letzteres geht nicht, wenn diese in Fußbekleidung stecken. Ich fühle mich dann eingeengt und in meiner Sinneswahrnehmung beschränkt. Wer einmal barfuß über eine taufrische Wiese gegangen ist oder über nassen Asphalt, der im Schatten noch kühler ist, als im sonnenbeschienenen Bereich, weiß vielleicht, was ich meine. Diese Wahrnehmungen bleiben Schuhträgern grundsätzlich verwehrt. Es ist, als würde man beim Essen Boxhandschuhe tragen müssen.

    Nun habe ich mich, wie wohl die meisten Kinder und Jugendlichen, damals in mehr oder weniger angesagte Schuhe gezwängt, weil ich mich auch später als Teenager, oder gerade dann, nicht getraut habe, so zu sein, wie ich wollte, aus Angst vor Ausgrenzung. Dazu kommt, daß viele Eltern oder Mitschüler ein sehr gefestigt falsches Bild von der Barfüßigkeit  hatten und haben. Hört man auf solche Leute, geht man abends mit schmutzigen Sohlen ins Bett oder watet den ganzen Tag buchstäblich knietief in Kot und Scherben durch die Stadt. Und natürlich der Evergreen: Die gute alte Blasenentzündung. Wenn Kinder mich sehen und ihre Eltern auf mich aufmerksam machen, höre ich häufig die verrücktesten Dinge, geboren aus der elterlichen Angst, die Sprößlinge könnten sich auch die Schuhe ausziehen und ihre Erzeuger blamieren. Denn ich glaube,  zu 90 % geht es darum, wenn eine Mutter sagt „Das macht man nicht,  der Mann wird davon krank!“. wer glaubt, Barfuß laufen sei ekelhaft, sollte vielleicht abends nach dem Schuhe ausziehen mal an seinen Socken riechen. Und wer findet, daß die Stadt zum barfuß laufen zu schmutzig sei, sollte sich fragen, warum das so ist und nicht, warum der Typ da barfuß unterwegs ist.

    Nun müssen solche Eltern grundsätzlich mit sich selbst ausmachen, daß sie ihren Nachwuchs knallhart belügen, das bräuchte mich nicht scheren, wie überhaupt negative Erlebnisse. Doch sind manche Reaktionen derart aggressiv, daß man sich wirklich fragt, welches gesellschaftliche Bild mancher in sich trägt. Von lauten Würgegeräuschen bis zu offenem Auslachen oder Beschimpfen aus dem Auto heraus oder in Läden ist da alles dabei. Ich würde allerdings den freundlichen Mitmenschen nicht gerecht werden, würde ich positive und gar interessierte Begegnungen unerwähnt lassen und auch die Akzeptanz für meinen „Spleen“ durch meine Familie. Ja, das ist schön. Am liebsten aber möchte ich gar keine besondere Aufmerksamkeit bekommen, sondern ohne Fußbekleidung sein, wie es mir gefällt, während andere ohne Kopfbedeckung sind, wie es ihnen gefällt.

    Und niemand muß fürchten, mich in einem Restaurant,  Krankenhaus oder zu einem wichtigen familiären Anlaß „unten ohne“ anzutreffen. Das sind meine selbst gesetzten Grenzen, an denen meine persönliche Freiheit diesbezüglich meiner Meinung nach endet. Und eigentlich habe ich nach so vielen Jahren auch irgendwie keine Geduld mehr für die immer gleichen Miesepeter, denen es nicht gefällt, was ich mache, obwohl ich niemand anderes damit einschränke. Und niemand interessiert sich dafür, was mir so alles nicht gefällt an Mitmenschen.

    Und wer es selbst nicht machen möchte, muß es nicht. Nur ist es deswegen nicht schlecht: So schreibt eine große deutsche Krankenkasse, daß barfuß laufen in der menschlichen Evolution den aller größten Zeitraum belegt hat und unser Bewegungsapparat im Grunde noch immer so aufgebaut ist. Daß Barfüßigkeit durch die Stimulierung der Sohlen, die zwar mit der Zeit dicker, jedoch nicht weniger sinnessensibel werden, zum Wohlbefinden und zum Streßabbau beiträgt und daß es schlußendlich auch Gelenke schont, Wahrnehmung für den Untergrund verbessert (also leider doch kein Waten in Unrat) und durch die geschmeidigeren Abläufe schlicht den gesamten Körper trainiert. Nach den ersten langen Wanderungen im Frühjahr spürt man deutlich, was gemeint ist. Muskelkater!

    In Neuseeland und Australien gehört Barfüßigkeit zum Lifestyle. Das Straßenbild ist oft voll von unbeschuhten Menschen, ähnlich weit verbreitet ist Alltagsbarfüßigkeit in den Alpenländern, wie in Österreich. Hier bin ich jedes Jahr mehrmals und es sind in der warmen Jahreszeit nicht nur Menschen jeden Alters unbeschuht unterwegs, auch kommt es kaum jemandem in den Sinn, offen Ekel oder Ablehnung auszudrücken.

    Es liegt auf der Hand, daß Barfüßigkeit nicht ungesund ist, außer natürlich dort, wo eindeutig Gefahr besteht. Und es ist nicht unhygienisch. Weder steckt man sich seine Füße in den Mund, noch nimmt man sie ungewaschen mit ins Bett. Woran liegt es also dann, daß so viele Menschen förmlich ausrasten beim Anblick von blanken Füßen? Weil man keine Instagram-Füße hat? Weil man aus der Masse heraussticht? Und war das auch mal anders? Mein Friseur sagte einmal, ich würde mit meinem Verzicht auf Schuhe ein „Statement setzen“. Daran hatte ich zuvor noch gar nicht gedacht. Ich erinnere mich zurück an die Jugend der 1980/90er, in der Zeit also, in der ich mich selbst nicht traute, daß ich wesentlich mehr Menschen barfuß im Alltag sah. Warum hat sich das so massiv geändert?

    Soviel dazu.

    (Foto: chrkuehne)