Schlagwort: Gesellschaft

  • Warum ich am liebsten barfuß bin

    Ein Einwurf in eigener Sache

    Heute geht es mal nicht um ein neues Metal Album oder ein schönes Foto. Es geht um etwas sehr persönliches, das für mich selbst ganz genauso schön ist, wie eine neue Platte in Händen zu halten oder an einem schönen Ort Fotos zu machen.

    So weit ich zurück denken kann, war es für mich immer etwas sehr beeindruckendes, meine Umwelt nicht nur mit den Händen unmittelbar zu erleben,  sondern auch mit den Füßen. Letzteres geht nicht, wenn diese in Fußbekleidung stecken. Ich fühle mich dann eingeengt und in meiner Sinneswahrnehmung beschränkt. Wer einmal barfuß über eine taufrische Wiese gegangen ist oder über nassen Asphalt, der im Schatten noch kühler ist, als im sonnenbeschienenen Bereich, weiß vielleicht, was ich meine. Diese Wahrnehmungen bleiben Schuhträgern grundsätzlich verwehrt. Es ist, als würde man beim Essen Boxhandschuhe tragen müssen.

    Nun habe ich mich, wie wohl die meisten Kinder und Jugendlichen, damals in mehr oder weniger angesagte Schuhe gezwängt, weil ich mich auch später als Teenager, oder gerade dann, nicht getraut habe, so zu sein, wie ich wollte, aus Angst vor Ausgrenzung. Dazu kommt, daß viele Eltern oder Mitschüler ein sehr gefestigt falsches Bild von der Barfüßigkeit  hatten und haben. Hört man auf solche Leute, geht man abends mit schmutzigen Sohlen ins Bett oder watet den ganzen Tag buchstäblich knietief in Kot und Scherben durch die Stadt. Und natürlich der Evergreen: Die gute alte Blasenentzündung. Wenn Kinder mich sehen und ihre Eltern auf mich aufmerksam machen, höre ich häufig die verrücktesten Dinge, geboren aus der elterlichen Angst, die Sprößlinge könnten sich auch die Schuhe ausziehen und ihre Erzeuger blamieren. Denn ich glaube,  zu 90 % geht es darum, wenn eine Mutter sagt „Das macht man nicht,  der Mann wird davon krank!“. wer glaubt, Barfuß laufen sei ekelhaft, sollte vielleicht abends nach dem Schuhe ausziehen mal an seinen Socken riechen. Und wer findet, daß die Stadt zum barfuß laufen zu schmutzig sei, sollte sich fragen, warum das so ist und nicht, warum der Typ da barfuß unterwegs ist.

    Nun müssen solche Eltern grundsätzlich mit sich selbst ausmachen, daß sie ihren Nachwuchs knallhart belügen, das bräuchte mich nicht scheren, wie überhaupt negative Erlebnisse. Doch sind manche Reaktionen derart aggressiv, daß man sich wirklich fragt, welches gesellschaftliche Bild mancher in sich trägt. Von lauten Würgegeräuschen bis zu offenem Auslachen oder Beschimpfen aus dem Auto heraus oder in Läden ist da alles dabei. Ich würde allerdings den freundlichen Mitmenschen nicht gerecht werden, würde ich positive und gar interessierte Begegnungen unerwähnt lassen und auch die Akzeptanz für meinen „Spleen“ durch meine Familie. Ja, das ist schön. Am liebsten aber möchte ich gar keine besondere Aufmerksamkeit bekommen, sondern ohne Fußbekleidung sein, wie es mir gefällt, während andere ohne Kopfbedeckung sind, wie es ihnen gefällt.

    Und niemand muß fürchten, mich in einem Restaurant,  Krankenhaus oder zu einem wichtigen familiären Anlaß „unten ohne“ anzutreffen. Das sind meine selbst gesetzten Grenzen, an denen meine persönliche Freiheit diesbezüglich meiner Meinung nach endet. Und eigentlich habe ich nach so vielen Jahren auch irgendwie keine Geduld mehr für die immer gleichen Miesepeter, denen es nicht gefällt, was ich mache, obwohl ich niemand anderes damit einschränke. Und niemand interessiert sich dafür, was mir so alles nicht gefällt an Mitmenschen.

    Und wer es selbst nicht machen möchte, muß es nicht. Nur ist es deswegen nicht schlecht: So schreibt eine große deutsche Krankenkasse, daß barfuß laufen in der menschlichen Evolution den aller größten Zeitraum belegt hat und unser Bewegungsapparat im Grunde noch immer so aufgebaut ist. Daß Barfüßigkeit durch die Stimulierung der Sohlen, die zwar mit der Zeit dicker, jedoch nicht weniger sinnessensibel werden, zum Wohlbefinden und zum Streßabbau beiträgt und daß es schlußendlich auch Gelenke schont, Wahrnehmung für den Untergrund verbessert (also leider doch kein Waten in Unrat) und durch die geschmeidigeren Abläufe schlicht den gesamten Körper trainiert. Nach den ersten langen Wanderungen im Frühjahr spürt man deutlich, was gemeint ist. Muskelkater!

    In Neuseeland und Australien gehört Barfüßigkeit zum Lifestyle. Das Straßenbild ist oft voll von unbeschuhten Menschen, ähnlich weit verbreitet ist Alltagsbarfüßigkeit in den Alpenländern, wie in Österreich. Hier bin ich jedes Jahr mehrmals und es sind in der warmen Jahreszeit nicht nur Menschen jeden Alters unbeschuht unterwegs, auch kommt es kaum jemandem in den Sinn, offen Ekel oder Ablehnung auszudrücken.

    Es liegt auf der Hand, daß Barfüßigkeit nicht ungesund ist, außer natürlich dort, wo eindeutig Gefahr besteht. Und es ist nicht unhygienisch. Weder steckt man sich seine Füße in den Mund, noch nimmt man sie ungewaschen mit ins Bett. Woran liegt es also dann, daß so viele Menschen förmlich ausrasten beim Anblick von blanken Füßen? Weil man keine Instagram-Füße hat? Weil man aus der Masse heraussticht? Und war das auch mal anders? Mein Friseur sagte einmal, ich würde mit meinem Verzicht auf Schuhe ein „Statement setzen“. Daran hatte ich zuvor noch gar nicht gedacht. Ich erinnere mich zurück an die Jugend der 1980/90er, in der Zeit also, in der ich mich selbst nicht traute, daß ich wesentlich mehr Menschen barfuß im Alltag sah. Warum hat sich das so massiv geändert?

    Soviel dazu.

    (Foto: chrkuehne)

  • Ist die Gesellschaft weit genug für Künstliche Intelligenz?

    Kürzlich fand in Düsseldorf die »XPONENTIAL Europe« statt, eine Messe für autonome Technologien. Auf den Ausstellungsflächen zeigen führende Unternehmen neben militärischem Gerät auch neue Prototypen der autonomen zivilen Mobilität. Neben ferngesteuerten Kleinbussen, Drohnen oder selbstfahrenden Forschungsschiffen wurde unter anderem auch ein fahrerloser Verkehrsbus vorgestellt, der wesentlich größer ist, als etwa das in der Escher Fußgängerzone verkehrende Gerät. Er soll, unabhängig von einer ausreichenden Personaldecke, helfen können, zukünftig Fahrgäste durch Großstädte, wie etwa die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt, ebenso zuverlässig zu befördern, wie es derzeit mit Händen am Steuer geschieht.

    Die Entwicklung macht keineswegs Halt bei unzureichenden autonomen Systemen, wie sie derzeit noch im Tesla verbaut sind, sondern verlangt durchaus nach Aufmerksamkeit, spätestens dann, wenn technologischer Fortschritt auf gesellschaftliche Entwicklung trifft. KI ist heute bereits in der Lage, wichtige Arbeitsprozesse gestalten zu helfen, um Probleme bei Routinetätigkeiten zu vermeiden, die Menschen eben mitunter passieren. Durch ihre Effizienz stellt KI neben allem Augenmerk auf mögliche Mißbräuche eben auch eine Chance dar, die Lebensqualität in der Gesellschaft deutlich voranzubringen.

    Die Schwachstelle bei all der Zukunftsvision bleibt dabei allerdings wieder der Mensch: Im 19. Jahrhundert waren sich Wissenschaftler sicher, daß es im Jahr 2000 nur noch darum gehen könne, nach den wenigen nötigen Arbeitsstunden des Tages den Rest der Zeit kurzweilig zu gestalten. Daß wir im Jahr 2025 immer noch die fremdbestimmte Arbeit als nahezu alleinigen Tages-, Wochen- und Lebensinhalt eines lohnabhängigen Menschen definieren und daß selbst dies der derzeit herrschenden Politik noch nicht genug ist, zeigt, daß auch die Wohlstandszuwächse durch diese Stufe der Produktivitätssteigerung in der Geschichte der Industrialisierung wieder von Herrschenden und den von ihnen vertretenen Konzernen abgeschöpft wird. Die neuen Technologien werden im Zusammenhang mit den arbeitenden Massen höchstens zur noch perfideren Überwachung eingesetzt.

    Themen wie Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich und eine generelle Verkürzung der Lebensarbeitszeit ohne Einbußen werden weiterhin nur als linke Utopien betrachtet, während soziale Errungenschaften nach und nach eingestampft werden, ohne nennenswerte Gegenwehr der Massen. Solange technologische Entwicklungen nicht vergesellschaftet werden, sprich zum Wohle der gesamten Menschheit eingesetzt, sondern wieder nur zu einer weiteren Verdichtung der Arbeitshetze dienen, so lange werden auch Lohnabhängige KI und fahrerlose Fahrzeuge als eine Gefahr ansehen, die ihnen das Brot vom Teller spart. Die Profiteure jedoch haben keinerlei Interesse daran, daß ihre Profite durch gesellschaftlichen Fortschritt geschmälert werden. Bereits in den 1970er Jahren etwa waren die Folgen eines kapitalistischen Raubbaus an der Erde wissenschaftlich bekannt, in Richard Fleischers Thriller »Soylent Green« mit Charlton Heston auf einer verseuchten und verarmten Erde des Jahres 2022 spielend brillant dargestellt. In den 1980ern fuhr die Ölindustrie eine beispiellose Desinformationskampagne, um ihre Pfründe vor einer gesellschaftlichen Fortentwicklung zu schützen. Neue Technologien wurden bis auf kommerzielle Spielereien der gesellschaftlichen Entwicklung vorenthalten oder blieben dem Militär vorbehalten. Dasselbe geschieht heute mit KI. Und wieder interessiert es niemanden.