Mahnender Makel am Rathaus von Düdelingen

Aus der Geschichte der luxemburgischen Südgemeinde

Im Jahre 1928 beschloß der Gemeinderat von Düdelingen, ein neues Rathaus zu bauen, und zwar gegenüber dem alten Gemeindehaus, welches später abgerissen wurde und heute unter anderem die »Spuerkeess« beherbergt.

Das Grundstück mit einer Gesamtfläche von 1,5 Hektar wurde vom Grafen von Bertier zum Preis von 1,5 Mio. LUF (Luxemburger Franken) abgetreten. Die Idee für das Gebäude kam von den Architekten J. Haal und G. Schopen. Die Ausführung der Pläne erfolgte durch den Architekten Joseph Ruckert, der unter anderem die Firma Reimen & Fils aus Düdelingen mit den Bauarbeiten, die Firma Neisius aus Düdelingen mit den Malerarbeiten und das Atelier Linster aus Bad Mondorf mit der Anfertigung der Kunstverglasungen im Treppenhaus beauftragte. Die Bauarbeiten dauerten zwei Jahre. Der Neubau wurde dann am 5. Juni 1932 von Bürgermeister Emile Ludwig und den Schöffen Eugène Conrad und Nicolas Biever eingeweiht.

Das neue Stadthaus in einer Broschüre anläßlich der Einweihung. (Foto: Gemeinde Düdelingen)

Heute hat dieses Gemeindehaus eine sichtbare Erinnerung an Zeiten, die nur wenige Jahre nach der oben erzählten Einweihung viel Leid brachten. Wer auf dem Gemeindeplatz steht und sich die Fassade bis zum Stadtwappen ganz oben über dem Rathausbalkon anschaut, wird es schnell entdecken: Ein Makel, Überbleibsel, Einschußlöcher, direkt neben der Rathaus-Uhr. Absichtlich nicht entfernt und repariert, um ein besonderes Andenken zu bewahren an den 1. September 1944.

Der Mittelbau des neuen Stadthauses aus der Broschüre zur Einweihung. (Foto: Gemeinde Düdelingen)

An jenem Tag nämlich dachten die Einwohner von Düdelingen, sie hätten die finsteren Jahre der Nazi-Besatzung überstanden, seit deutsche Truppen am 10. Mai 1940 einmarschiert waren und strömten auf eben jenen Gemeindeplatz, auf welchem sich der imaginäre Betrachter gerade befand und die Rathausuhr betrachtete.

Die deutschen Truppen hatten Düdelingen bereits in Richtung Osten verlassen, nicht ohne zuvor noch schnell die Gemeindekasse zu plündern und In freudiger Erwartung der aus Süden, von Volmerange herannahenden US-Truppen, die jeden Moment eintreffen müßten, war das Stadtzentrum voll von Menschen, um die Befreier willkommen zu heißen, ohne zu ahnen, daß die Gerüchte über die nahenden Befreier nicht korrekt waren. Die US-Truppen waren längst noch nicht in der Region.

Am Tag darauf wurde allenthalben die jahrelang verbotene Nationalflagge gehißt, deutsche Straßenschilder heruntergeholt, Nazi-Symbole verbrannt und die Glocken der Pfarrkirche läuteten anläßlich der vermeintlichen Befreiung. Abermals hatten sich tausende Menschen versammelt. Jetzt bald müßten die US-Soldaten doch kommen.

Der Uhrturm heute. Rechts neben dem Stadtwappen der beschädigte Teil. (Foto: chrkuehne)

Doch es kam ganz anders: Am Mittag plötzlich kamen zwei Lkw der Waffen-SS durch die »Niddeschgaass« (Avenue G-D Charlotte) gefahren, die jahrelang »Adolf-Hitler-Straße« hatte genannt werden müssen. Die deutschen Soldaten schossen auf die Menge und auch auf die ebenfalls am Rathaus wieder gehißte Nationalflagge. Dabei sorgten einige Geschosse dafür, daß das Eck oberhalb der Rathaus-Uhr noch heute so aussieht. Das gute Ende kam für die Düdelinger erst eine zermürbende Woche später: die »Amis« waren da, die Nazis weg. Der zerschossene Bogen an der Rathaus-Uhr bleibt mahnend zurück.

Stadthausfront heute. (Foto: chrkuehne)

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